„Warum macht man es Kindern so schwer?“

Die Eltern eines schwerbehinderten Jungen aus Steinbach brauchen dringend ein behindertengerecht umgebautes Auto. Dafürsammeln sie Spenden. Eine mühselige Sache. Dabei ginge alles viel einfacher, sagen Fachleute. Wenn das Landesamt für Sozialesmitspielen würde.

SAARLOUISER RUNDSCHAU, 22. November 2017

„Moritz ist unser Stolz und Sonnenschein“, sagt Marie Schwoertzig über ihren Sohn. Der Sechsjährige spielt gerne mit Familienhund Chica, schaut Papa David oft beim Herumschrauben in der Garage über die Schulter und macht gerne Quatsch. So, wie auch andere Kinder in seinem Alter. „Wir haben viel Spaß“, erzählt seine Mutter. Und fügt hinzu: „Er braucht aber auch Regeln, wie alle Kinder.“ Doch Moritz kann nicht alles machen, was Kinder in seinem Alter gerne machen. Der Grund: Der Junge ist schwerstmehrfachbehindert geboren worden und benötigt in allen Lebenslagen Hilfe. Er ist auf einen Rollstuhl angewiesen – und auf weitere Hilfsmittel, zum Beispiel auf Bein- und Hüftgelenk-Orthesen. Ein großes Problem für die Familie aus Lebach-Steinbach ist die eingeschränkte Mobilität. Ihnen fehlt ein spezielles Auto. Eines, das ausreichend Platz für den Rollstuhl und die anderen Hilfsmittel bietet. Und eines, das behindertengerecht umgebaut ist. Ein solches Auto zu bekommen, ist sehr kompliziert. Nicht nur im Fall der Schwoertzigs, sondern grundsätzlich. „Sie sind kein Einzelfall“, sagt Heinrich Buschmann. Er ist Vorsitzender des Vereins „Mobil mit Behinderung“ (MMB). Der Verein berät bundesweit Menschen mit Behinderung und Angehörige von Behinderten.

13 Millionen Menschen mit Behinderung gibt es laut Buschmann in Deutschland, davon sind 3,5 Millionen Mobilitätsbehinderte. Wie viele davon einen Pkw benötigen, dazu gibt es keine genauen Daten. Dass die Familie Schwoertzig ein behindertengerecht umgebautes Auto braucht, ist für Moritz’ Ärzte und MMB längst klar. Auch die Beratungsstelle der Lebenshilfe St. Wendel sieht das so. Die Anschaffung eines solchen Autos lasse sich „nicht umgehen“, heißt es in einer Stellungnahme der Lebenshilfe.

Moritz leidet am Arnold-Chiari-Syndrom (Verschiebung einiger Hirnstrukturen) und an der schwersten Form von Spina bifida (offener Rücken). Aussicht auf Heilung: keine. Er muss drei bis vier Mal pro Woche zu Physio- und Ergotherapien. Außerdem muss er mindestens alle drei Monate nach Wiesbaden in die Helios-Kliniken, um seinen allgemeinen Zustand kontrollieren zu lassen. Das benötigte Auto muss so umgebaut sein, dass der Junge im Rollstuhl über eine Rampe direkt in das Heck des Fahrzeuges fahren kann. Bisher war das nicht möglich. Lange fuhren die Schwoertzigs einen alten Passat, Baujahr 1998. Seit der kaputt ist, nutzt die Mutter einen noch älteren Polo, Baujahr 1990. Der bietet jedoch nur Platz für sie und Moritz. „Wir kommen an unsere Grenzen, alle Autofahrten sind eine große Herausforderung“, sagt die 30-Jährige.

Aus Sicht des MMB-Vereins könnte man es den Betroffenen einfacher machen. Über die so genannte „Eingliederungshilfe“ lässt sich nämlich ein Antrag beim Sozialamt stellen. Das Amt kann dann die Mobilität fördern und die benötigten Autos beziehungsweise den behindertengerechten Umbau der Autos finanzieren. Doch: „Die Sozialämter ziehen sich gerne aus der Verantwortung“, sagt Kerstin Lonsdorfer. Die gelernte Krankenschwester aus Fraulautern engagiert sich seit rund sieben Jahren bei Mobil mit Behinderung. Sie kümmert sich um Beratungen im Saarland. Sie hat ebenfalls ein schwerbehindertes Kind.

Lonsdorfer kennt Familie Schwoertzig seit sechs Monaten. Sie weiß, wie mühsam es für die Eltern ist, das Geld für das neue Auto zusammenzukriegen. Sie wollen einen Ford Tourneo Custom kaufen. Der Kleintransporter kostet inklusive behindertengerechtem Umbau rund 38 000 Euro. Viel Geld für die vierköpfige Familie – Moritz hat noch einen kleinen Bruder. Ihr Budget reicht dafür nicht aus. Deshalb bemüht sie sich seit Juli um finanzielle Unterstützung von Stiftungen. Marie Schwoertzig hofft seitdem jeden Tag beim Gang zum Briefkasten auf erfreuliche Post. Sie schreibt neben Stiftungen auch Unternehmen und Vereine an. Rund die Hälfte der benötigten Summe wurde bis Mitte November zugesagt. Die Stiftungsmittel sind allerdings nur für eine gewisse Zeit zugesichert, in der Regel für sechs bis zwölf Monate. Das bedeutet: In diesem Zeitraum muss die gesamte Summe zusammenkommen. Gelingt dies nicht, muss neu beantragt werden.

Auch um die Eingliederungshilfe hat sich Marie Schwoertzig bemüht. Zuständig dafür sind im Saarland nicht die Sozialämter der Kreise, sondern das Landesamt für Soziales in Saarbrücken. Dort hat die Mutter vor sechs Monaten einen Antrag gestellt, um Mittel für den Umbau des neuen Fahrzeuges zu erhalten – etwa 3000 Euro. Die Prüfung läuft noch. Dass sie so lange dauert, ist für Fachleute keine Überraschung. Der Sozialverband VdK Saarland hat die Erfahrung gemacht, dass die Leistungen „eher zurückhaltend“ genehmigt werden. Die Praxis gehe „eher in Richtung Ablehnung“. Ein Problem bestehe darin, dass das Saarland ein finanzschwaches Bundesland sei.
Kerstin Lonsdorfer bestätigt das. Sie hat außerdem die Erfahrung gemacht, dass manchmal dazu geraten wird, die Lebensversicherung aufzulösen, um ein Auto zu finanzieren. Sie und ihre MMB-Kollegen vermuten, dass es in den zuständigen Stellen eine Anweisung gibt, die Kfz-Förderung abzulehnen.
Das Landesamt für Soziales in Saarbrücken weist die Vorwürfe zurück. „Es gibt selbstverständlich keine solche Anweisung“, heißt es auf Anfrage. Ob sie am Ende erfolgreich sein wird, weiß Marie Schwoertzig nicht. Sie hofft aber, dass sich der Aufwand lohnt. Sie musste – wie andere Betroffene in ihrer Situation – viele Unterlagen zusammentragen. Kontoauszüge, Lohnabrechnungen, Führerschein, Arztbriefe, Sozialbericht, Haushaltsplan und vieles mehr. Ihr Eindruck ist: Man muss sich nackt machen. Es ist ihr unangenehm, aber sie sagt, sie möchte sich nicht beschweren. Allerdings fragt sie sich: „Warum macht man es Eltern mit behinderten Kindern nicht ein bisschen leichter? Und vor allem: Warum macht man es den Kindern so schwer?“

Der Verein „Mobil mit Behinderung“ hat ein Spendenkonto für Moritz eingerichtet:
Mobil mit Behinderung e.V.
Bank für Sozialwirtschaft
IBAN DE41660205000008711300
BIC: BFSWDE33KRL
Verwendungszweck: „MORITZ12845“.

INFO:
Heinrich Buschmann engagiert sich seit vielen Jahren für Menschen mit Behinderung. Er ist Vorsitzender des Vereins „Mobil mit Behinderung“ (MMB) und der Stiftung für „Inklusion durch Mobilität“ (IDM). 2015 hat er das Bundesverdienstkreuz erhalten. Er will keine Sonderstellung für Behinderte– „aber eine Gleichstellung“. Er findet die bisherige Gesetzgebung unzureichend. Mit Intransparenz und Wirrwarr müsse Schluss sein. Es könne nicht sein, dass jemand wegen einer Behinderung zum Sozialhilfeempfänger werde. Buschmann setzt sich deshalb für eine „Nachteilsausgleichversicherung“ ein. Die Idee: Jeder Bürger zahlt ein, ähnlich wie etwa bei der Pflegeversicherung. Denn: Eine Behinderung könne schließlich auch jeden treffen. www.idm-stiftung.de


SWR berichtet: "Wie eine Behinderung arm macht"

Unter dem Titel "Wie eine Behinderung arm macht." interviewte der SWR unter anderem unseren Vorstand Heinrich Buschmann zum Entwurf des Bundesteilhabegesetz. Buschmann fasst die aktuelle, kritische Lage zusammen: "…durch fast schon makabere Stellungen im Gesetz, würde dieser Gesetzesentwurf mein Leben extrem verschlechtern."

SWR-Beitrag anschauen (Der Beitrag wurde leider aus der Mediathek entfernt)


Bundesteilhabegesetz: DBSV kündigt Widerstand an - Resolution verabschiedet

Berlin, 2. Mai 2016 — "Blinde, sehbehinderte und taubblinde Menschen dürfen nicht zu Verlierern des Bundesteilhabegesetzes werden!" So steht es in einer Resolution, die der Verwaltungsrat des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes (DBSV) am vergangenen Wochenende in Berlin einstimmig verabschiedet hat. Das Forderungspapier nennt zehn Themenbereiche, in denen der Verband massiven Nachbesserungsbedarf sieht - vom völligen Ausschluss sehbehinderter Menschen von der Eingliederungshilfe über Bildungseinschränkungen bis zu Benachteiligungen bei der Blindenhilfe.

Auslöser ist der Referentenentwurf des Bundesteilhabegesetzes, der am Dienstag vergangener Woche veröffentlicht wurde. "Für die Menschen, die wir vertreten, ist das eine Liste der Grausamkeiten", stellt DBSV-Präsidentin Renate Reymann fest. Nicht immer steckt unbedingt Absicht dahinter: "Ich glaube, dass beispielsweise die Versorgung blinder und sehbehinderter Studenten mit Hilfsmitteln schlicht und ergreifend vergessen wurde."

Was die große Linie des Gesetzentwurfes anbelangt, sieht es allerdings anders aus: "Die Bundesregierung setzt ihre Prioritäten in anderen Politikbereichen und behinderte Menschen fallen dabei hinten runter", konstatiert Renate Reymann. Bereits in der Einführung zum Entwurf wird die Absicht bekundet, vor dem Hintergrund steigender Betroffenenzahlen auf die Kostenbremse zu treten. Aus Sicht von Reymann hat die Bundesregierung damit die Weiche


BundesparteitagCDU

"Herr Buschmann, Sie haben mich sensibilisiert"

Auf dem diesjährigen Bundesparteitag der CDU konnte Heinrich Buschmann einige sehr gute Gespräche führen. Während unsere Kanzlerin eher auf das Thema Flüchtlinge fokussiert war, traf Buschmann bei Finanzminister Schäuble den richtigen Nerv.

Schäuble bekommt durch seine Situation als Regierungsmitglied vieles von dem nicht mit, das den „einfachen Behinderten“ oft vor kaum lösbare Probleme stellt. Beide hatten sich bereits früher getroffen, aber beim Bundesparteitag hatten sie endlich einmal Gelegenheit zu einem richtigen längeren Gespräch. Der Finanzminister bekam diesmal Informationen aus erster Hand und nicht durch seine vielen Berater gefiltert. Er stimmt zu, dass es nicht geht, dass sich Menschen erst qualifizieren und dann nichts davon haben. Genauso wenig, kann es sein, dass Menschen nur wegen des Assistenzbedarfs des Partners in die Armut getrieben werden. Er will uns in Berlin die richtigen Türen öffnen.

Hubert Hüppe, der frühere Bundesbehindertenbeauftragte sieht das kommende Teihabegesetz eher skeptisch. Die die am meisten an den Behinderte verdienen, Heime, Kliniken, etc. werden alles tun, um die Quellen am sprudeln zu halten. Die Selbsthilfe, die dagegen etwas unternehmen könnte, ist untereinander zerstritten, oder tritt erst gar nicht an. „Wer ist denn da schon? Anarde, Miles-Paul, Buschmann, dann vielleicht noch ForseA und dieser neue Verein“ einige wenige“. Hüppe ist auch der Meinung, die Selbsthilfe müsse sich wesentlich stärker in den Prozess einbringen.

Jetzt liegt es an uns, den Mitgliedern des MMB, mit dafür zu sorgen, dass man uns in den Ländern, wie in Berlin nicht länger überhört. Jetzt haben wir die Chance, etwas zu bewegen – nicht für irgendwelche Parteien oder Organisationen. Nein, wir können jetzt dafür sorgen, dass unser aller Leben besser wird.

Schreibt eure Geschichte auf und mailt sie an eure MdBs und MdLs, in euren eigenen Worten. Bittet sie, dafür zu sorgen, dass das kommende Bundesteilhabegesetz neue Gesetz für die Menschen gemacht wird und nicht nur für die Lobbyisten.

Unter bundestag.de/abgeordnete könnt ihr auf einer Karte euren Wahlkreis anklicken und findet dort die von euch gewählten Abgeordneten. Mit eurer Hilfe, und nur mit eurer Hilfe schaffen wir es, etwas für uns alle zu bewegen. Macht mit!